Die letzte Option

Nichts ist so konstant wie das Chaos auf Arbeit. Selbst jetzt, da ich die Station verlassen habe und als Medizincontrollerin eigentlich fürs Finanzielle zuständig bin, nehmen die Geschichten kein Ende. Die Geschichten, die aus den schlechtesten Drehbüchern des Landes stammen könnten, so tragisch wie sie sind. Und wir erleben sie jeden Tag. Wenn man Abends mit einem Glas Wein auf dem Sofa sitzt, ist man selbst erstaunt, wie viel wir auf Arbeit lachen ob der Dramatik in unserem Alltag. Wir lieben alle das Leben. Und schwarzen Humor. Aber vermutlich muss man beides Mögen um diesen Job zu überleben.

„Mund auf, Stäbchen rein“ so wirbt die größte Spenderdatei des Landes für Stammzellspender. Oft mit jungen Familienvätern oder Kleinkindern die an Leukämie erkrankt sind. Man muss es nicht mal extra dramatisieren, denn das ist es. Immer. Man kennt die Gesichter von Plakaten, aus dem Fernseher, den Social Media Kanälen und mancher kennt vielleicht sogar einen dieser Betroffenen persönlich.
Was für alle die einzige Option auf Heilung ist, ist es am Ende doch nur für Wenige. Das Risiko gar nicht geheilt zu werden, oder nur kurz ist nicht zu verachten. Die Komplikationen oft schwer und tödlich. Und dann, dann ist da auch noch das Zweitmalignom, also die zweite, nächste Tumorerkrankung auf Grund der schwerwiegenden Therapie mit Chemo und teils Bestrahlung.

Es gibt Tage, da erleben wir mehr Drama als andere in einem Jahr oder einem ganzen Leben. Heute war so ein Tag. Und vielleicht muss es heute auch mal raus.

Da ist Max, 21. Seine Mutter starb am Leberversagen durch Alkohol während wir ihn zum ersten mal transplantierten. Inzwischen hat er drei Transplantationen geschafft und nun wird er sterben. Mit einem Vater, der dem Sohn das Essen kein Stockwerk nach unten bringen kann. Wenn er hunger habe, könne er ja hoch kommen und einer Schwester die wir alle noch nie sahen und Max lag in den letzten drei Jahren mehr Zeit bei uns, als zu Hause.
Und dann ist da Frau Wegner, Frau Wegner bekam pünktlich zur Pensionierung ihres Mannes ihre Leukämie. Sie hat zwei Transplantationen hinter sich und steht nun mit dem Rücken an der Wand und wir mit leeren Händen gegenüber. Frau Wegner mag Max sehr und eigentlich war der beider Plan, dass 2017 ihr Jahr wird. Max mit Hilfe von Frau Wegner eine Ausbildung macht und Frau Wegner endlich die viele Zeit mit ihrem Mann zu Hause genießen kann.

Dann gibts noch Herrn Schmidt, er hat drei Kinder, zwei Erwachsene und einen Grundschüler. Er hatte nach seiner Transplantation drei tolle Jahre. Jetzt kam die Leukämie wieder und kurz vor der zweiten Transplantation die Hirnblutung.

Dass der Spender für die 18-jährige Leukämiepatienten Lena nun kurz vor knapp einen Rückzieher gemacht hat und die Suche von Neuem los geht, ist da noch eine kleinere Katastrophe, die sich mit etwas Zeit beheben lässt.

An Tagen wie diesem wundere ich mich über nichts mehr. Und eine Antwort auf die Frage wieso man sich das antut?! Nun, weil dass, was wir hier machen die letzte Option ist.

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