Tschüss Klinik!

Nun da die letzten Tage in der Klinik angezählt sind und damit auch die letzten Tage im Zug, nutze ich die Zeit alleine im Zug wie ich sie am liebsten nutze. Aus dem Fenster schauend, die Landschaft vorbei rauschend und denkend.

Neun Jahre sind vorüber. Neun Jahre in denen ich viel lernte, über Menschen, das Leben, Medizin und dieses Gesundheitssystem. Über das System werde ich noch berichten, für Medizin gibt es Bücher und Leitlinien, das Leben muss man erfahren und die Menschen?! Die lernte ich kennen, manche mehr, manche weniger. Manche nur in grauer Erinnerung, andere Menschen und ihre Geschichten vergisst man nie.

Wo fängt man an, wo hört man auf. Meine erste Arbeitswoche damals, begann mit einer Reanimation einer jungen Frau mitten in unserer Ambulanz. Damals noch mit etwas Erfahrung, frisch aus dem Rettungsdienst für mich nichts Neues, ging es nicht ganz so aufregend weiter, aber nicht weniger tragisch. Sind es im Rettungsdienst nur Momentaufnahmen eines Lebens, merkt man rasch, dass in der Onkologie die Zeitrechnung eine andere ist. Man begleitet Menschen lange, durch die einschneidenste Zeit ihres Lebens, in einem Uniklinikum viele auch bis zum Ende, darüber, dass wir oft die letzte Option sind, schrieb ich bereits an anderer Stelle.

Viele Patienten aus meiner Anfangszeit leben nicht mehr oder sind so fit und geheilt, dass sie einfach nicht mehr zur Nachsorge kommen müssen. Zum ersten Mal bewusst, dass wir hier mit dem Rücken an der Wand stehen, wurde mir bei Carina. Ich sehe sie heute noch da sitzen, im Gang der Ambulanz, weinend, die Hand ihres Mannes halten. Die Leukämie ist wieder da, alle Therapie hat nicht geholfen, einzige Option eine Stammzelltransplantation. Dass diese auch nicht helfen wird, erfahre ich Monate später, als ich selbst meine Arbeit auf der Transplantationseinheit beginne und Carina dort tragisch kurz vor der, dann bereits zweiten Transplantation, an ihrer Leukämie verstirbt.

Auf meinem manchmal holprigen Weg durch die Klinik und dem großen Zwischenziel Transplantzentrum, dass eigentlich nie auf dem „Fahrplan“ stand, durfte ich viel lernen: Wo man beim spiegeln einer GI-Blutung besser nicht steht, welcher Aufwand notwendig ist bis jemand an der ECMO im CT liegt, dass man sich vor einer Broncho das CT wirklich nochmal anschauen sollte (oder zumindest der, der es am Ende macht), dass das CRP auf das man wartet, nur eins von 5000 am Tag im Labor ist, dass man Blasten solange zählt, bis man es kann und dass es für den Halofixateur eine Anleitung gibt! Und letzteres war während meiner Rotation durchs Uniklinikum definitiv ein Highlight, 3 Monate chirurgische Notaufnahme standen auf dem Plan. Es war werktags und bereits dunkel, eine nette ältere Dame, keine 1,50 groß schlurfte in die Notaufnahme. Sie sei am Vorabend gestürzt und hätte nun schreckliche Nackenschmerzen, die sie nur schwerlich noch eine Nacht aushalten würde. 30 Minuten später, völlig fasziniert auf die Röntgenbilder blickend, glaubten wir jedes Wort und so fanden sich eine Krankenschwester, ein erfahrener Assistenzarzt, ich und ein Oberarzt mit Gebrauchsanweisung in der Hand im Gipsraum wieder. Nach dem Dienst hatte die Dame für länger ein Zimmer gebucht und wir das Wissen wie die Sache mit dem Halofixateur funktioniert.

Wieder zurück in der Onkologie, erinnere ich mich an Florian, der auf dem Weg zwischen Kreiskrankenhaus und uns bei Erstdiagnosen Sarkom abhanden kam und letztlich von der Polizei in der Sonne sitzend über das Leben und den Tod sinnierend aufgegriffen wurde. An Anna deren Katze ihr den Arm brach oder wohl er die Katze dem Sarkom ungelegen kam und die auch heute nach Jahren immer noch für jeden Tag Leben tapfer kämpft. Auch Jule lernte ich hier kennen. Was ich hier noch lernte, dass man nur dieses eine Leben hat und man nichts tun sollte, was einem auf allen Ebenen widerstrebt. Und so kam der Tag als ich bei meinem damaligen Oberarzt saß und ihm mitteilte dass der Moment gekommen sei, zu kündigen. Der Plan sah vor, dass ich wieder in die Ambulanz zurück sollte, dahin wo meine Reise zwei Jahre zuvor begann. Unüberwindbare Differenzen mit der pflegerischen Leitung, die bis heute mehr oder minder vorliegen, veranlassten mich zu diesem Schritt. So getroffen wie ich war, ob der erneuten gezwungenen Zusammenarbeit, waren andere ob meines Wunsches mach Beendigung des Vertrags. Und so kam ich, aus heutiger Sicht zur Chance meines Lebens, einem Plätzchen auf der Transplantationsstation. Damals klein, fein und vor allem alt. Mit einem Oberarzt dem ich vieles wenn nicht sogar das meiste oder gar alles meines weiteren Weges in der Klinik verdanke. In einem kleinen Team aus verrückten, unterschiedlichsten, aber meist lieben Menschen, fand ich ein „Zuhause“, Freunde und ein Stück weit auch Familienersatz. Wir zogen um und aus der kleinen Abteilung im vorletzten Eck des Altbaus wurde eine relativ große Transplanteinheit am letzten Eck des Neubaus. Es kamen und gingen viele Patienten, meine Aufgaben wurden mehr und mit Zunahme des Kostendrucks wichtiger und verantwortungsvoller. Wie oft hat mein Oberarzt, neben dem ich Jahre lang jeden Tag saß, mich gefordert aber vorallem gefördert. Ich begann nochmals die Schulbank/die Vorlesungsbank zu drücken und nach eineinhalb Jahren mit mehr Schreibtisch in der Direktionsetage als Station im Untergeschoss und mit viel Betriebswirtschaft und weniger Patienten verlass ich nun dieses Haus: Mein (berufliches) Zuhause der letzten neun Jahre.

Im Moment überwiegt noch das lachende Auge, volle Vorfreude auf neue Aufgaben bei einer NGO hier in der Stadt, ohne dieses lästige Bahnpendeln. Wenn ich allerdings in 14 Tagen zum letzten mal mit einem Sekt in der Klinik stehe und mit Allen anstoße, werden hoffentlich nicht nur meine Augen einige (viele) Tränen verdrücken.

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Tschüss Klinik!

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